Was ist denn nun eine Legasthenie?

Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, denn bei der Erforschung der Legasthenie, die übrigens erst in den letzten Jahrzehnten intensiviert wurde, wurden viele unterschiedliche Theorien aufgestellt und später wieder verworfen. Diese reichten von Krankheit, Behinderung, über Schwäche bis hin zur Störung und tauchen auch heute immer wieder auf.

Mittlerweile weiß man, dass es sich bei der Legasthenie um eine spezielle Form der Lese- und Rechtschreibschwäche handelt und nicht eben selten auftritt.

Die aktuelle pädagogische Definition lautet:

Ein legasthener Mensch, bei guter oder durchschnittlicher Intelligenz, nimmt seine Umwelt differenziert wahr, seine Aufmerksamkeit lässt, wenn er auf Symbole, wie Buchstaben oder Zahlen trifft, nach, da er sie durch seine differenzierten Teilleistungen anders empfindet als nicht legasthene Menschen, dadurch ergeben sich Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens, Schreibens oder Rechnens.

Dr. Astrid Kopp - Duller    1995

Neue wissenschaftliche Erhebungen belegen, dass ca. 10 - 15% der Weltbevölkerung legasthen sind.  Hier gibt es eine sehr hohe Dunkelziffer, denn viele Betroffene werden Zeit ihres Lebens nicht als legasthen erkannt!

Es spielt hierbei keine Rolle, welche Sprache der Betroffene spricht und welche Schriftzeichen ( z. B. hebräisch, chinesisch, lateinisch, u.s.w.) er benutzt. Die Legasthenie tritt in allen Kulturen und in allen Bevölkerungsschichten auf. Jungen sind davon allerdings häufiger betroffen als Mädchen.

Legastheniker führen einen täglichen Kampf mit den Kulturtechniken, man könnte fast sagen, die reagieren allergisch auf den Umgang mit Buchstaben und Zahlen. Dieses führt zwangsläufig zu Problemen in der Schule und zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben. Es kommt auch gar nicht mal so selten vor, dass erwachsene Legastheniker nach Beendigung der Schulzeit das Lesen und Schreiben wieder verlernen, weil sie diesen Techniken geschickt aus dem Wege gehen.

Eine Legasthenie wird hauptsächlich durch biogenetische Anlagen des Menschen hervorgerufen, d. h. es liegen fehlerhafte Erbinformationen zu Grunde. Maßgeblich daran beteiligt sind die Chromosomen 15 und 6, aber auch andere Chromosomen stehen in Verdacht, hierbei eine Rolle zu spielen, was jedoch noch weiter erforscht werden muss.

Diese fehlerhafte Erbinformation hat zur Folge, dass die Sinneswahrnehmung und deren Verarbeitung anders abläuft als bei anderen Menschen. Man spricht hier von einer differenzierten Sinneswahrnehmung, die beim Umgang mit Buchstaben und Zahlen zu einer zeitweisen Unaufmerksamkeit und daraus resultierend zu Wahrnehmungsfehlern führt.

Eine Legasthenie wird also von Generation zu Generation weitervererbt. Laut WHO gilt die Legasthenie sogar als Krankheit und wird in verschiedenen Ländern auch als solche anerkannt. Die Legasthenie gilt derzeitig als nicht heilbar. Es gibt auch keine Medikamente, die eine Legasthenie oder ihre unangenehmen Erscheinungsbilder mildern. In Deutschland wird eine Legasthenie übrigens nicht als Krankheit eingestuft, was zur Folge hat, dass in der Regel auch keine Kostenübernahme bei Therapien durch die Krankenkassen erfolgt. Dieses bedeutet jedoch keinesfalls, dass man einer bestehenden Legasthenie keine Beachtung schenken sollte, denn untherapiert entwickelt sie sich, je nach Schweregrad , zu einer enormen Belastung.

Wann lässt sich denn eine eventuelle Legastenie feststellen?

Da die Veranlagung zu einer Legasthenie schon mit in die Wiege gelegt wird, gibt es schon im Vorschulalter deutliche Signale, die unbedingt ernst genommen werden sollten.

Ich habe hierzu eine kleine Liste erstellt, die jedoch nur einen Bruchteil möglicher Hinweise enthält:

- keine oder verkürzte Krabbelphase

- Entwicklungsverzögerungen ( gehen, sprechen )

- Probleme in der Grobmotorik( Ballspiele, Fangspiele, klettern, Treppen steigen,    

  Seil  springen, Purzelbaum )

- Probleme in der Feinmotorik ( ausschneiden, malen, Knöpfe schließen, Schleife

  binden, anziehen, Fingerspiele)

- Begriffe werden verwechselt

- Links - Rechtsbeziehungen werden verwechselt

- falsche Farbbezeichnungen

- neue Wörter werden kreiert

- Orientierungsprobleme

- Reihenfolgen werden schlecht behalten (bei Gesellschaftsspielen, Reime, Lieder,

  Geschichten)

- Gehörtes wird schlecht behalten

- kein Interesse an Buchstaben und Zahlen ( eigenen Namen schreiben )

- gute und schlechte Tage

- mal konzentriert, mal unkonzentriert

- schnelleres Denken als Handeln

- hohe Merkfähigkeit und Kreativität

- liebt Konstruktionsspiele

- schnelle Auffassungsgabe am PC

Wohlgemerkt, dieses ist nur eine unvollständige Liste der möglichen Merkmale und nicht jedes Kind ist zwangsläufig legasthen, bei dem sich derartige Verhaltensweisen zeigen.

Es lohnt sich aber in jedem Fall genauer hinzusehen. Gibt es in der Familie schon einen Legastheniker oder zumindestens den Verdacht darauf, ist es ratsam, das Kind in seiner Entwicklung genau zu beobachten. Vergleichen Sie Ihr Kind ruhig mit Gleichaltrigen und versuchen Sie dabei möglichst frei von Emotionen zu beurteilen. Bedenken Sie aber unbedingt, dass sich jedes Kind individuell entwickelt und kleine zeitliche Verschiebungen durchaus normal sind und somit keinen Grund zur Sorge darstellen. Versuchen Sie möglichst objektiv zu sein, falscher Ehrgeiz, Scham, Enttäuschung oder gar Verärgung sind hierbei ganz schlechte Berater! Scheuen Sie sich auch nicht, Ihre Beobachtungen mit den zuständigen Vorschulpädagogen und Kinderärzten zu diskutieren.

Sowohl als betroffene Mutter eines legasthenen Sohnes als auch als dipl. Legasthenietrainerin möchte ich Ihnen einen persönlichen Rat dringend ans Herz legen:

Lassen Sie sich auf keinen Fall mit Floskeln wie:

Das verwächst sich noch!

oder

Ihr Kind ist ein Spätzünder!

vertrösten.

Sollte es sich tatsächlich um eine Legasthenie handeln, würde so wertvolle Zeit verloren gehen, in der das Kind schon individuell gefördert werden könnte, damit die Einschränkungen und die damit verbundenen negativen Erfahrungen so gering wie möglich bleiben. 

Im Vorschulbereich gibt es leider noch keine zuverlässigen Testverfahren, die Aufschluss über eine mögliche Legasthenie geben. Unabhängig davon gibt es aber in gut sortierten Spielwarenfachgeschäften ein schönes Angebot an pädagogisch wertvollen Spielmaterialien, die die unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen Ihres Kindes spielerisch fördern. Eine kleine Auswahl an Spielen, die ich in meinem Studio erfolgreich einsetze, finden Sie unter der Infoleiste Konzept bei den Lern- und Arbeitsmaterialien . Und noch ein gut gemeint Rat: Achten Sie unbedingt darauf, dass Ihre Kinder nicht zu Couchpotatoes  mutieren, denn Bewegung ist das Tor zum Lernen !

Mit Eintritt in das Grundschulalter wird eine eventuelle Legasthenie dann sichtbar. Aber auch hier gibt es keinen bestimmten Zeitpunkt und kein Schema, an denen man eine Legasthenie festmachen könnte. Jeder legasthene Mensch hat seine ganz individuelle Legasthenie.

Es gibt durchaus Schüler mit einer Legasthenie, die noch halbwegs ungeschoren durch die Grundschulzeit kommen, bei anderen beginnen die Probleme schon kurz nach dem Eintritt in die Grundschule. Dieses hängt zum Einen von dem Schweregrad der Legasthenie ab, aber auch von der jeweiligen Intelligenz. So entwickeln hochbegabte Legastheniker, und davon gibt es eine ganze Menge, kompensatorische Strategien, die ihnen helfen ihre Probleme lange Zeit zu verbergen. In der Regel sind alle Legastheniker mindestens normal - bis überdurchschnittlich begabt, was sich in den Nebenfächern durch gute Noten  widerspiegelt. Aber genau diese Dikrepanz zwischen guter Intelligenz und den Leistungseinbrüchen in den Fächern Deutsch und /oder Mathematik führen dann zu Unverständnis.

Ich habe im Laufe meiner mehrjährigen Tätigkeit die Erfahrung gemacht, dass sich häufig im 3. Grundschuljahr die Probleme einstellen. Die Anforderungen sind dann mittlerweile so groß, dass selbst die pfiffigen Legastheniker die Segel streichen müssen. Es hagelt Fehler über Fehler, während die Freunde mit guten Noten nach Hause gehen. Da sich diese offensichtlich dummen Fehler auf den 1. Blick nicht erklären lassen, kommen alle Beteiligten schnell zu dem Schluss, dass der betreffende Schüler wohl nicht aufpasst oder einfach nicht ordetlich gelernt hat. Und hier bietet die pädagogische Wundertüte  entnervter Eltern dann ein erstaunliches Repertoire an Sanktionen: früheres Zubettgehen, Hausarrest, Fernsehverbot, keine Verabredungen mehr, PC- Verbot, Förderunterricht in der Schule, Nachhilfestunden..... u.s.w. und haufenweise Diktate! Das Ganze wird dann oft noch mit verbalen Kommentaren gewürzt, um sich den Frust von der Seele zu reden.

Und dann wartet man gespannt auf das nächste Diktat. Bei dem ganzen Aufwand muss das ja nun besser werden. Aber weit gefehlt.

Und genau an dieser Stelle beginnt der Leidensweg eines nicht erkannten Legasthenikers. Er weiss ja auch nicht, warum das alles nicht klappt. Er ist von sich selber enttäuscht und dann kommen noch die Reaktionen von zu Hause und in der Schule dazu. Je nach Alter und Typ geht jeder betroffenen Schüler unterschiedlich mit der Situation um. Manche stecken den Kopf in den Sand und glauben von sich, dass sie dumm sind. Sie resignieren, ziehen sich zurück, sind oft traurig und fühlen sich unverstanden und ungeliebt. Andere weigern sich weiter zu lernen, denn es bringt nach ihrer Auffassung sowieso nichts. Sie stören den Unterricht, machen sich zum Klasssenkasper oder reagieren aggressiv.  Wieder andere bekommen Kopf- oder Bauchschmerzen, leiden an Schlaflosigkeit oder reagieren regelrecht panisch, wenn sie vorlesen oder ein Diktat schreiben sollen. Hinzu kommen dann die Reaktionen aus dem Umfeld, die von Hilflosigkeit und Unverständnis geprägt sind. Auch Lehrer und Eltern stehen vor einem Rätsel und gehen auf ihre Weise damit um. Ärger und Enttäuschung sind hier aber fehl am Platz. Viel mehr gilt es jetzt die Ursachen dieser Lernstörung zu finden und zwar je eher desto besser. Lassen Sie sich an diesem Punkt nicht von Lehrkräften als übereifrig abstempeln oder damit vertrösten, dass das Kind noch jede Menge Zeit hat sich zu entwickeln. Darauf nehmen die Lehrpläne nämlich leider keine Rücksicht und so entwickeln sich ganz schnell Defizite, die sich durch ignorieren nicht in Luft auflösen.

Hier ist unbedingt Ihr rasches Handeln gefragt. Nehmen Sie Kontakt zu einem Spezialisten auf und stellen Sie Ihr Kind dort vor. Nur so lässt sich abklären, ob eine Legasthenie vorliegt und wie dem Kind optimal geholfen werden kann.

Jetzt werden Sie sich sicherlich fragen, woran Sie eine Legasthenie im Schulalter erkennen können. Auch hierzu habe ich Ihnen eine Liste zusammengestellt.

Beim Schreiben:

- viele, viele Rechtschreibfehler

- Auslassen von Buchstaben und Wörtern

- generelle Abneigung gegen das Schreiben

- unsauberes Schriftbild

- fehlerhafte Formwiedergabe von Buchstaben

- langsames Schreibtempo

- ähnlich aussehende Buchstaben werden vertauscht (M/W, n/u, p/q, b/d, u.s.w.9

- ähnlich klingende Buchstaben werden vertauscht (eu/äu, g/k, s/z, u.s.w.)

 - fehlerhafte Dehnungen und Schärfungen

- fehlerhafte Groß-  und Kleinschreibung

- einfache Wörter werden immer wieder falsch geschrieben

- an anderen Tagen wird das Wort fehlerfrei geschrieben

- schwierige Wörter können richtig geschrieben werden

- fehlende i- Punkte, u.ä.

- fehlerhaftes Abschreiben, trotz häufigen Hinsehens

- unkonzentriertes Arbeiten

Beim Lesen:

- Schwierigkeiten beim Erlernen der Buchstaben

- Schwierigkeiten beim Zusammmenlauten

- Buchstaben werden verwechselt oder ausgelassen

- Zeile geht verloren

- Wörter werden einfach zusammengedichtet oder erfunden

- generelle Abneigung gegen das Lesen

- mangelhaftes Sinnverständnis (kann auch Ursache bei Problemen mit Sachaufgaben

  sein) 

- unkonzentriertes, angespanntes Verhalten

Auch diese Liste ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, wie sich eine Legasthenie äußern kann. In vielen Fällen sind nur einige Merkmale zu beobachten und es muss auch nicht unbedingt die Kombination Lesen / Schreiben sein. Es kann auch nur ein Bereich betroffen oder mit Rechenstörungen kombiniert sein (Dyskalkulie).

Die Legasthenie wird in 3 Schweregrade eingeteilt (leicht, mittelschwer und schwer), wobei schon die Ausmaße einer leichten Legasthenie zu gravierenden Störungen führen und unbedingt ernst genommen werden muss.

Bleibt eine Legasthenie unerkannt und somit untherapiert, so wird sie zu einer schlimmen Belastung, denn der Schulalltag ist von negativen Erfahrungen geprägt und wird zum Albtraum. Viele unerkannte Legastheniker erinnern sich heute noch mit Grausen an ihre eigene Schulzeit! Und oft genug sind die vielen schlechten Zensuren dann Schuld daran, dass Schulabschlüsse nicht geschafft werden und Berufswünsche wie Seifenblasen zerplatzen. Viele unerkannte Legasteniker tragen zum Teil erhebliche seelische Verletzungen davon, die sich in Verhaltensauffälligkeiten oder auch körperlichen Symptomen zeigen. Sogar Suchtprobleme und das Abrutschen in eine kriminelle Laufbahn sind zu beobchten. Hier ist dann die eigentliche Legasthenie nur noch das kleinere Übel und steht längst nicht mehr im Vordergrund.

Eine rechtzeitig begonnene Legasthenietherapie ist also ganz wichtig, um weiteren Schaden von dem Kind abzuwenden.

An dieser Stelle sei aber auch erwähnt, dass selbst nach erfolgreicher Legasthenietherapie immer wieder Probleme beim Schreiben und Lesen auftauchen können. Dieses ist sehr stark von der persönlichen Tagesform abhängig. Ganz wichtig ist bei einer Therapie, dass sich der Betreffende mit seiner individuellen Legasthenie auseinander- setzt und lernt damit umzugehen, um sie dann erfolgreich zu besiegen.

Natürlich wird sich dieses Handycap auch im Berufsleben immer wieder zeigen und es ist  ratsam, gleich mit offenen Karten zu spielen, um spätere Probleme von vorne herein auszuschließen.

Eine Legasthenie lässt sich auch im Erwachsenenalter noch gut therapieren, dieses ist jedoch sehr zeitaufwändig und nur mit eisernem Willen zum Durchhalten von Erfolg gekrönt.

Grundsätzlich gilt: Je früher, desto besser - aber es ist nie zu spät!

Diagnose Legasthenie- Was nun?

Sollte die Diagnose tatsächlich Legasthenie lauten, so ist dieses kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Vielmehr gilt es dann, sich zunächst umfangreich über diese Thematik zu informieren und dann möglichst schnell einen seriösen Therapieplatz zu suchen. Verlassen Sie sich hierbei ruhig auf ihr Bauchgefühl und berücksichtigen Sie unbedingt die Meinung ihrer Kindes. Nur wenn die Chemie zwischen den Beteiligten passt, kann die Therapie zum Erfolg führen. 

Ein weiterer wichtiger Schritt muss dann die Kontaktaufnahme mit den entsprechenden Lehrern sein. Die neue Situation sollte möglichst sachlich an die Schule herangetragen werden, denn nur mit entsprechenden Informationen können die Lehrer auch reagieren. Hier haben nämlich die Kultusminister in den einzelnen Bundesländern den Lehrern mit besonderen Regelungen im Schulgesetz ein hilfreiches Instrument an die Hand gegeben, um im Bedarfsfall darauf zurückgreifen zu können. Viele Lehrer sind damit vertraut und es gibt in der Regel dann auch keine weiteren Probleme mit der Benotung. Sollten Sie dennoch das Pech haben, an einen Lehrkörper zu geraten, der es ablehnt entsprechend der gültigen Gesetze die Auswirkungen einer Legasthenie zu berücksichtigen, scheuen Sie sich bitte nicht, die nächste Instanz einzuschalten! Manchmal ist hier wirklich Hartnäckigkeit von Nöten und es müssen dann noch weitere Instanzen involviert werden. Denken sie dabei immer daran, dass Sie die Rechte ihres Kindes vertreten und holen Sie sich im Bedarfsfall zusätzliche Hilfen.

Die entsprechenden Gesetzestexte der Länder NRW und Niedersachsen finden sie unter der entsprechenden Infoleiste.

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